Interview einer Schülerzeitung

Sarah Funcke ist Redakteurin der Schülerzeitung der Hermann- Hesse- Schule in Obertshausen (Offenbach/ Hessen) und hat mich um ein Interview gebeten. In diesem Bericht bekommt ihr einen Einblick über die Fragen und Antworten und falls euch noch weitere interessante Fragen einfallen, mailt mir.

Bei Interesse findet ihr hier Informationen und Artikel der Schülerzeitung: https://www.hermann-schuelerzeitung.blogspot.de/?m=1

1. Wann hast du gemerkt, dass das Verhalten deiner Eltern dir gegenüber nicht "normal" ist?
Das hat lange gedauert. Ich bin damit groß geworden und habe es nicht anders kennengelernt. Deren Verhalten war für mich ziemlich normal. Bei uns wurden Gewalttaten und Streit nach außen hin geheim gehalten und so wirkten wir wie eine durchschnittliche Familie. Ich dachte, dass es bei anderen Familien genauso wäre. Außerdem traute ich mich auch nicht darüber zu sprechen, weil es mir peinlich war und weil ich Angst hatte, bei meinen Freunden auf Unverständnis zu stoßen. Je älter ich wurde, desto mehr Zeit verbrachte ich bei Freunden und deren Familie. Dort lernte ich bessere familiäre Verhältnisse kennen. Ich wusste dann also, dass es auch anders geht. Das Problem war bloß, dass ich der festen Überzeugung war, dass meine Eltern so zu mir sind, weil ich es verdient hätte. Eine schlechte Tochter muss man schlecht behandeln. Ich sah das Verhalten meiner Eltern lange als gerecht an. Erst in der Therapie (mit 20 Jahren) verstand ich, dass mich keine Schuld betrifft.

 
2. Wann war der Wendepunkt in deinem Leben? Wann hast du gemerkt, dass du etwas ändern musst?
Ich wusste schon recht lange, dass ich etwas ändern musste. Leider wusste ich aber nicht wie und mit jemandem zu reden, fiel mir unheimlich schwer. Es gab schon einige Anläufe zuvor, die ich dann doch wieder abbrach. Beispielsweise habe ich mal in einer Psychiatrie angerufen und als jemand ans Telefon ging, schnell wieder aufgelegt. Mein körperlicher Zustand wurde immer schlechter. Durch Bulimie, Alkohol, Zigaretten und Drogen fühlte ich mich körperlich zerfallen. Ich hatte keine Kraft mehr. Essen tat weh, weil ich Sodbrennen und Halsschmerzen hatte. Mir war immer schlecht und ich hatte ständig Magenschleimhautentzündungen, Herzrhythmusstörungen und Atemnot. Ich war eigentlich nur noch ein Wrack. Lange hätte ich in diesem Zustand nicht mehr weitermachen können. Also musste ich mich zwischen Leben und Tod entscheiden. Dann habe ich mir gedacht, ich probiere es noch ein letztes Mal, aber diesmal richtig. Das hieß für mich: Klartext reden, keine Rückzieher mehr machen und jede Hilfe wirklich annehmen. Wenn ich etwas verändern wollte, musste ich mich darauf einlassen, egal wie viel Überwindung es kostet. Dann ging ich zur Suchtberatungsstelle und erzählte von meinem Alkoholkonsum und den Suizidgedanken. So nahm alles seinen Lauf.
 

 
3. Was willst du mit deinem Buch erreichen?
An erster Stelle habe ich das Buch für mich geschrieben, weil ich meine Vergangenheit aufarbeiten wollte und dieses Kapitel abschließen wollte. Ich habe mir die Last von der Seele geschrieben und schleppe sie nun nicht mehr mit mir herum. Sie steht jetzt geordnet in meinem Bücherregal. Mir war auch wichtig, dass die Leute, die mich kannten und verurteilten, die Gelegenheit bekamen, das Ganze mal aus meiner Sichtweise sehen zu können. Das schlimme „Schillingskind“ hatte schon Gründe, weshalb es so war, wie es war. Ein bisschen habe ich mich auch für mein vorheriges Verhalten gerechtfertigt. Ich wollte, dass die Leute solche Entwicklungen verstehen und andere Menschen nicht so hart verurteilen, sondern sich auch mal Gedanken darüber machen, was hinter gewissen Verhaltensweisen stecken könnte. Viele meiner Mitpatienten hatten ähnliches erlebt wie ich, aber trauten sich kaum, darüber zu sprechen. Mir war bewusst, dass es „draußen“ ganz viele Menschen gibt, denen es so geht, wie es mir damals ging und ich möchte diesen Menschen Mut machen und ihnen zeigen, wie ich es geschafft habe. Sie sollen wissen, dass sie mit ihrem Leid nicht alleine sind. Mein Buch wird auch oft von den Angehörigen der Betroffenen gelesen und sie verstehen dadurch viel besser, was in dem Betroffenen vorgehen könnte und können ihr Handeln nochmal überdenken. Wie man merkt, sind die Absichten meines Buches ziemlich vielseitig. Wenn ich den Hauptgedanken des Buches in einem Satz ausdrücken müsste, würde er wie folgt lauten: „Jeder Mensch mit einer schlimmen Vergangenheit ist trotz allem in der Lage, ein glückliches Leben führen zu können.“


 
4. Was ist der beste Weg, um aus einer Lebenskrise (Alkohol, Magersucht,…) raus zu kommen?
Der Wille ist sehr wichtig. Man sollte wirklich von sich aus eine Veränderung wollen und bereit sein, alles dafür zu geben. Eine Lebenskrise teilt dem Betroffenen mit, dass es so nicht weitergeht und daher ist es unumgänglich etwas verändern zu müssen z.B. Gewohnheiten, Verhaltensweisen, Umfeld etc. Es dauert oft relativ lange bis jemand an dem Punkt angelangt, an dem es gar nicht mehr weitergeht und keine andere Möglichkeit sieht, als sich verändern zu müssen und Hilfe annehmen zu müssen. Je schwerer es einem Menschen fällt, desto länger kann sich eine Lebenskrise hinziehen. Hilfen gibt es viele z.B. bei Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Internet Foren, Fachbücher oder Freunde. Wichtig ist eben, dass man sich Hilfe holt, sie annimmt, spricht und vor allem auch bereit ist, etwas zu verändern. Man sollte sich aber auch darauf einstellen, dass man in dieser Zeit Rückschläge erleben könnte. Die gehören dazu und sind völlig normal. Davon sollte man sich keinesfalls entmutigen lassen. Das ist der letzte wichtige Punkt: Never give up!



 
5. Hast du noch Kontakt zu deiner Familie?
Zu meiner Mutter und meinem Bruder habe ich den Kontakt abgebrochen, weil ich mich von ihnen geringschätzig behandelt fühlte. Mit meiner Mutter hatte ich in der Therapie ein Angehörigengespräch, in dem ich ihr die Bedingung stellte, mich so zu nehmen wie ich bin und meine Entscheidungen zu akzeptieren und mich mein Leben leben zu lassen. Da das aber überhaupt nicht klappte, brach ich den Kontakt zu ihr ab. Seitdem fühle ich mich befreit. Ich habe keinen Streit mehr und muss auch keine Energie für irgendwelche Rechtfertigungen aufbringen. Mit meinem Bruder hatte ich nach der Therapie einen Streit, sodass ich mich dazu entschloss, den Kontakt zu ihm auch abzubrechen. Mir geht es aber richtig gut damit. Ich schleppe diese Last nicht mehr mit mir herum. Dazu muss ich sagen, dass meine Mutter noch zwei Geschwister hat, die den Kontakt zu ihr noch vor meiner Geburt abgebrochen haben. Diese habe ich nie kennenlernen können. In der Therapie habe ich den Kontakt zu ihnen allmählich aufgebaut und ich bin sehr froh, solch liebevolle Familienmitglieder haben zu dürfen. Ich fühle mich, als gehöre ich das erste Mal im Leben einer richtigen Familie an. Hinzu kommt, dass ich Nachbarn habe, die für mich wie Ersatzeltern sind. Zusammengefasst würde ich sagen, ich habe meine „Ursprungsfamilie“ aufgegeben, aber dafür eine neue, große Familie gewonnen.

 
6. Es ist klar, dass alles schlimm war, aber was war für dich im Nachhinein das Schlimmste, was du gemacht hast?
Das Schlimmste, was ich gemacht habe, war, dass ich meine Freunde und mein Umfeld habe zusehen lassen, wie schlecht ich mich behandelte und wie sehr ich mir schadete. Ich war dabei mein Leben wegzuwerfen und dem Tod immer näher zu kommen und meine Freunde haben zugesehen, konnten nichts machen und haben sich unendlich viele Sorgen um mich gemacht. Ich will gar nicht wissen, wie viele schlaflose Nächte und Ängste ich ihnen mit meinem Verhalten bereit habe. Mir war das damals nicht bewusst, aber im Nachhinein tut es mir richtig leid.


 
7. Was würdest du Jugendlichen wünschen, die in einer (ansatzweise) ähnlichen Situation stecken?
Ich wünsche allen Jugendlichen, dass sie den Mut finden, über ihre Situation zu reden, sich Hilfe zu holen und bereit zu sein, diese auch anzunehmen. Ich wünsche ihnen Kraft und Durchhaltevermögen, ihre Lebenssituation zu verändern und alles Schädliche von sich zu weisen. Das Ganze besteht aus vielen, kleinen Schritten und der Weg ist manchmal echt hart, aber wenn man dranbleibt, wird man später sehen, dass es sich gelohnt hat. Allerdings wird es auch immer mal wieder den einen oder anderen Rückschlag geben. Das ist normal. Davon sollte man sich aber nicht unterkriegen lassen. Besser ist es, daraus zu lernen und immer weiterzumachen. Dazu fällt mir ein Spruch ein, der mich des öfteren motiviert. „In der Minute, in der du darüber nachdenkst, aufzugeben, solltest du darüber nachdenken, wieso du schon so lange durchgehalten hast.“


 
8. In den meisten Storys sagen die betroffenen immer „Gott hat mir daraus geholfen!“. Ist das bei dir auch so?
Die Definition von „Gott“ kann bei jedem verschieden sein. Einige stellen sich vor, es sei ein alter Mann im Himmel, der zu einem spricht, Gebete erhört oder Zeichen auf die Erde sendet. Für andere ist es eine Kraft, die sich immer in unmittelbarer Nähe befindet. Bei mir würde ich nicht von Gott sprechen, sondern eher von dem Glauben an mich selbst. Der Glaube an mich selbst hat mir daraus geholfen. Meine Mitmenschen haben gesagt: „Julia, du bist was besonderes und du schaffst das“ und es dauerte ein Weilchen, aber dann begann ich, an mich selbst zu glauben und ich denke, dass es das ist, was mir sehr geholfen hat.


 
9. Merkst du immer noch irgendwelche „Nachwirkungen“ dieser Zeit ? Irgendwelche „unnormalen“ Verhaltensweisen ? Welche ?
Nein, eigentlich nicht. Es gehört aber dazu, dass hin und wieder Erinnerungen aus der Vergangenheit auftauchen. Meistens sind diese durch bestimmte Auslöser bedingt wie z.B. Gewaltszenen, Horrorfilme, Streit, Türenknallen, Geschrei, bestimmte Worte oder Menschen, die meinen Eltern ähneln. Für einen Moment erlebe ich mich dann in eine alte Situation zurückversetzt, die zu Panikattacken oder Angstzuständen führen kann. In der Regel sind mir die Auslöser bewusst und ich kann mich darauf einstellen und ich mir selbst helfen, indem ich mir z.B. die Realität wieder vor Augen führe („Mir kann nichts passieren.“/ „Das ist nur ein Film.“) Wenn ich im Schlaf von einem Donner geweckt werde, dann erschrecke ich zunächst und werde panisch, aber sobald ich realisiere, dass es nur ein Gewitter ist und keine nähere Gefahr droht, kann ich wieder schlafen. Meistens kommt es auch auf meine Tagesverfassung an. Zum Beispiel gibt es Tage, an denen ich gar keine Probleme mit der sozialen Phobie habe und mich gut in einer Menschenmenge aufhalten kann und dann gibt es Tage, an denen ich möglichst schnell weg möchte, weil ich mich total unwohl fühle. Das ist aber völlig in Ordnung.


 
10. Was konntest du von der Zeit der Entgiftung und der Therapie für dich lernen ?
Ich habe sehr viel gelernt. Es ist gar nicht machbar, alles aufzuschreiben. Zuerst entwickelte ich Verständnis für meine Entwicklung, mein Verhalten, meine Krankheiten und meine damalige häusliche Situation. Ich bin unter schlechten Bedingungen herangewachsen und hatte keine andere Möglichkeit als so zu werden, wie ich geworden bin. Dieses Wissen hat mir viele Schuldgefühle und die Geringschätzung mir selbst gegenüber nehmen können. Außerdem lernte ich, dass es sehr wichtig ist, sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren und auch positiv zu denken. Meine Gedanken bestimmen meine Gefühle und wenn ich positiv über mich selbst denke, fühle ich mich gut und strahle das nach außen hin und ziehe so noch mehr Positives in mein Leben. Ich betrachte eher die Erfolge und dadurch vermehren sie sich. Hinzu kommt, dass ich für mein Leben verantwortlich bin und ich entscheide, wie ich mit Problemen und Schicksalen umgehe. Ich bin nicht mehr das Opfer sämtlicher Umstände, sondern die Schöpferin meiner Umstände und nur weil ich anders bin, bin ich nicht gleich wertlos. Jeder Mensch hat seinen Wert und es ist wichtig, sich wertvoll zu fühlen und zu wissen, dass man es ist, egal was passiert. Über Gedanken und Gefühle zu reden ist auch sehr wichtig, denn so entdeckt man, dass die meisten Menschen genau die gleichen Probleme haben. Wenn man dann merkt, dass Selbstzweifel völlig normal sind, nimmt man sie gar nicht mehr so ernst. Es bedarf alles einer Überwindung, aber es lohnt sich. Für jedes Problem gibt es eine Lösung und Probleme sind eigentlich Herausforderungen, an denen wir wachsen. :)


 
 

 


 


 

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