Co- Abhängigkeit- Das Leben mit suchtkranken Angehörigen

Da ich so viele Mails zum Thema Co- Abhängigkeit bekomme, möchte ich mich heute diesem Thema widmen.

Die nahestehenden Angehörigen eines Suchtkranken werden als co- abhängig bezeichnet. Sie sind sozusagen die Verbündeten des Abhängigen, weil sie die Verantwortung für ihn übernehmen und ihm Aufgaben abnehmen z.B. besorgen sie den Alkohol oder entsorgen leere Flaschen, machen Termine aus oder wecken ihn morgens, damit er aufsteht... Kinder, die mit suchtkranken Eltern aufwachsen, verstehen oft erst ziemlich spät, dass ein Elternteil (oder beide) an einer Suchterkrankung leidet. Das liegt daran, dass sie ihr Elternteil nie anders kennengelernt haben und die Sucht als etwas „Normales“ ansehen. Angehörige neigen dazu, die Krankheit nicht wahrhaben zu wollen und entschuldigen oder decken das Verhalten des Betroffenen. Der Konsum wird ohnehin meist verniedlicht („Bierchen, Sektchen“) oder mit Sprüchen erlaubt bzw. bagatellisiert („in Bier am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen oder ein Glas Wein am Tag ist gesund“). Suchtkranke Menschen versuchen ihre Gefühle mithilfe von Alkohol/ Drogen zu betäuben, um sie nicht spüren zu müssen. Das Unterdrücken und Nichtzeigen dieser Gefühle führt dazu, dass auch der Angehörige dieses Verhalten oft übernimmt bzw. übernehmen muss, weil er dann auch nicht reden kann. Angehörige fühlen sich meistens schlecht und geben sich auch die Schuld für die Sucht des Betroffenen, sodass es ihnen noch schwerer fällt, darüber zu reden. Es ist auch nicht immer einfach, jemanden zu finden, mit dem man darüber reden kann. Man hat Angst abgewertet zu werden etc.

Viele Angehörige passen ihren eigenen Lebensstil an den des Betroffenen an und so steigt die Gefahr, selbst zu erkranken. Viele versuchen noch den Konsum des Betroffenen einzuschränken bzw. zu kontrollieren, was jedoch nicht möglich ist. Wenn jemand dem Betroffenen die Wahl zwischen Konsum oder Beziehung überlässt, gewinnt in 99% der Fälle der Konsum („Entweder hörst du auf zu trinken oder ich verlasse sich“). Das liegt nicht daran, dass dem Konsumenten der Konsum lieber ist, sondern daran, dass er nicht aufhören KANN. Ohne professionelle Hilfe wird es nicht gelingen.

 

 

Bei dem ganzen Trubel um den Erkrankten werden die Angehörigen leider sehr häufig vergessen, obwohl sie genauso viel Hilfe brauchen wie die Betroffenen. Im Folgenden habe ich ein paar Tipps für die Angehörigen gesammelt. (Vorausgesetzt ihr habt mit dem Betroffenen schon über die Lage offen und ehrlich geredet und kamt aber nicht weiter..)
Redet! Reden ist Gold wert und bedeutet sehr viel. Reden hilft beim Verarbeiten jüngster Ereignisse und bringt einen auch gedanklich weiter. Wer gar nicht über seine Gedanken und Gefühle redet, kann erst einmal klein anfangen und sich dem/ der besten Freund/in anvertrauen. Überwindung gehört auch dazu. Sind die Gespräche schon intensiv genug, kann man sich einem weiteren Freund/ in anvertrauen. Bei Suchtberatungsstellen gibt es auch Hilfe. Man kann sich dort einen Termin machen und mit einem Therapeuten über die Lage reden. Übrigens gibt es in fast jeder Stadt Selbsthilfegruppen für Angehörige, die sich sehr freuen, wenn neue Menschen dazu kommen. In diesen Gruppen sitzen Gleichgesinnte mit gleichen Problemen, die einen so nehmen, wie man ist und sich um einen kümmern. Schaut da mal vorbei!

Zum Umgang mit einem suchtkranken Familienmitglied empfehle ich, dass man ihn/ sie loslässt, indem man ihr/ ihm die Verantwortung für sich selbst wieder zurückgibt. Die Betroffenen können zwar sauer werden, aber dann auch begreifen, dass sie ohne Hilfe nicht mehr zurecht kommen. Ich bin der Ansicht, dass manche Menschen erst richtig auf die Schnauze fallen müssen, um zu verstehen, dass sie etwas ändern müssen z.B. Verlust des Führerscheins oder Arbeitsplatzes. Bis das passiert kann recht viel Zeit vergehen. Manchmal wird es auch schlimmer.
Fördert den Alkoholismus nicht und lasst den Betroffenen sich sein Zeug selbst beschaffen.

So ist er/ sie etwas mehr mit seiner/ ihrer Problematik beschäftigt, was zum Nachdenken anregen könnte. Bleibt bitte konsequent dabei und lasst euch nicht einlullen! Das ist nämlich auch ein Zeichen von süchtigem Verhalten.
Tut euch selbst etwas Gutes. Ihr seid für euch selbst verantwortlich und ihr müsst in erster Linie für euch selbst sorgen. Buddha sagte einmal, dass ein Meister nur lehren kann, wenn er gesund sei. Du bist auch nur hilfreich, wenn es dir gut und deswegen sorge dich zuerst um dein eigenes Wohlbefinden und stärkt auch euer Selbstwertgefühl. Das Selbstwertgefühl spielt überall mit bei und ist super wichtig.

Gebt dem Betroffenen etwas Zeit. Das alles ist ein Prozess, der viel Zeit in Anspruch nimmt. Bleibt geduldig. Die Krankheit muss von dem Betroffenen selbst als auch von den Angehörigen akzeptiert werden. Gelegentlich kann es zu Rückfällen kommen. Das ist ein Teil dieser Krankheit und Rückfälle können vorkommen, müssen es aber nicht. Wichtig ist, dass der Betroffene dort wieder heraus findet und die Angehörigen trotz des Rückfalls hinter ihm stehen. Um einen Rückfall im Vorfeld zu vermeiden, ist es hilfreich, dass an dem Ort, an dem der Betroffene lebt, nichts Alkoholisches vorfindet. Angehörige sollten das Nichttrinken unterstützen und auch nicht vor dem Betroffenen selbst konsumieren. Sie sollten die Vermeidung des Alkohols unterstützen.

Wenn das alles nicht helfen sollte, dann solltet ihr Abstriche machen und das Familienmitglied verlassen. Manchmal führt kein Weg daran vorbei.
Was ich aber auch nochmal betonen möchte, sind die Selbsthilfegruppen für Angehörige. Sie sind unheimlich wertvoll. Dort sitzt ihr mit Menschen zusammen, die dasselbe durchmachen bzw. durchgemacht haben. Wie gesagt, brauchen die Angehörigen auch Hilfe. Es ist nicht leicht mit einem süchtigen Menschen zusammenzuleben und es geht nicht spurlos an einem vorbei. Nehmt euch das bitte zu Herzen.


Meine Freundin Linda beschäftigte sich mit einem Buch, das diese Problematik auffasst und fasste mir die dort genannte Methode zusammen, damit ich Sie mit euch teilen kann. Vielen Dank dafür!

In dem Buch
„Vater-Mutter-Sucht - Wie erwachsene Kinder suchtkranker Eltern trotzdem zu ihrem Glück finden“ von Waltraut Bernowski-Geiser gibt es eine Methode, welche eine Hilfe für Kinder suchtkranker Eltern darstellt.
Das 7-Schritte-Programm soll Suchtkindern im Alltag helfen, wieder Zugriff auf ihre Gefühle zu haben, welche sie als Kind gelernt haben zu verdrängen und auf diese wieder Acht zu geben und so auch wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden!


 

AWOKADO setzt sich dabei folgendermaßen zusammen:


 

A für Achtsamkeit

W für Würdigung der Belastung und Stärken

O für Orientierung

K für Kreativität

A für Ausdruck

D für Deckung und De-Parenting

O für Offenheit und Öffnung


- 30 Minuten täglich Zeit nehmen
- Affirmation: " Auch wenn ich anderes erfahren habe, weiß ich, dass ich in meinem Leben etwas zum Positiven hin verändern kann."


 

Der 1. Schritt ist Achtsamkeit. Dort sollst du dich dir und deinen Bedürfnissen widmen. Die Übung heißt: „Ich bin mit Leib und Seele im Hier und Jetzt“.

Dabei achtest du bewusst erst darauf, wie es den einzelnen Partien deines Körpers geht und tastest im Geiste jedes Körperteil einmal ab. Danach fragst du dich, wie es dir gerade geht und lässt den Tag Revue passieren. Die Ergebnisse hältst du dann in deinem Buch fest.


 

Der 2. Schritt ist Schutzräume schaffen. Dabei lernst du, dir selbst die fehlenden Schutzräume aus deiner Kindheit zu ersetzen und sie in dir selbst zu finden.

In der ersten Übung „ Sicher in mir“ stellst du dir im Geiste einen Ort vor, an dem du dich sicher fühlst oder denkst dir einen aus. Du solltest diesen Ort mit allen Sinnen wahrnehmen. Anschließend kannst du ihn auf eine Karte malen oder in deinem Buch festhalten.

Alternativ „ Sicher durch Musik“ kann man sich eine Musik aussuchen, bei der man sich sicher fühlt und lässt beim Hören innere Bilder aufkommen und nimmt auch die Musik bewusst wahr. Danach kann man die Bilder wieder malen und festhalten und die Musik kann man dann immer verwenden, wenn man Sicherheit braucht. (Anker)


 

Der 3. Schritt ist die Würdigung der Belastungen und der Stärken. Die Übung dazu heißt „Mein Stärkenfinder“. Dabei setzt man sich ein Kuscheltier oder ähnliches vor sich oder stellt es sich vor und lässt sich von diesem erzählen, welche Dinge man durchmachen musste, welche Fortschritte man gemacht hat und welche Stärken sich daraus entwickelt haben. Man kann dann für diese Stärken ein Symbol suchen und diese im Buch festhalten. Alternativ kann man auch Freunde zu den Stärken befragen und 3 davon aufschreiben.


 

Der 4. Schritt ist seinen Boden und Standpunkt zu finden. Die Übung heißt „ Standbild im Spiegel“. Dazu braucht man einen Ganzkörperspiegel und betrachtet zunächst seinen ganz gewöhnlichen Stand darin, welchen man also immer hat. Nun guckt man, was man sieht. Besonders auf den Stand mit Füßen und Beinen sollte geschaut werden. Was sehe ich? Ich sollte mich auch aus den Augen eines anderen betrachten. Ein kritischer und ein wertschätzender Blick sollten gemacht werden. Nun kann eine neue Stellung eingenommen werden. Diese kann auf Wunsch kleine Änderungen enthalten. Auch eine aufrechte Haltung sollte ausprobiert werden, da diese schon eine große Wirkung erzielen kann.
Eine weitere Übung heißt „Der inneren Stimme vertrauen“. In dieser soll nach der Atemübung im Geiste in den inneren Kern übergegangen werden. Wie sieht er aus? Wo befindet er sich? Was würde er erzählen, wenn er sprechen könnte?Auch da werden die Ergebnisse ins Buch übertragen.


 

Der 5. Schritt ist „Sich öffnen“. Die erste Übung „ In die Weite“ besteht daraus, sich im Geiste einen Ort/ eine Landschaft vorzustellen, in der man Weite empfindet. Diese Weite soll nun mit allen Sinnen wahrgenommen werden und sich die Frage gestellt werden, wie diese Weite auf einen wirkt und wie man sie empfindet. Auch dieser Bericht wird im 7-Schritte-Buch festgehalten.
Die zweite Übung „Ich und meine Werte“ beschäftigt sich mit den eigenen Werten, die man sich klar vor Augen führen soll. Dazu befragt man wieder den inneren Kern und hält danach diese Werte im Buch fest.


 

Der 6. Schritt ist Ausdruck. In der Übung „ Ohne Worte“ wird nun der Frage nachgegangen, wie man sich gerade fühlt und dazu wird dann ein Bild in passenden Farben gemalt. Auch hier sollte nichts zensiert werden. Auch möglich ist der Ausdruck durch Bewegung oder z.B. auch ein Instrument. Wichtig ist der Austausch mit anderen über diesen Ausdruck, da dieser ein Echo und Resonanz benötigt.


 

Der 7. und letzte Schritt heißt Verbindung suchen. Die Übung dazu heißt „ Die Türe zu meinem Herzen“ und in dieser wird mit der Achtsamkeit zum Herzen übergegangen (dieses kann dabei auch mit der Hand berührt werden). Nun soll darauf geachtet werden, wie sich das Herz anfühlt. Wie es im Inneren des Herzens aussehen würde. Ob es Verbindungen nach Außen gibt und wie diese aussehen. Und ob man es verändern würde. Sollen die Türen weiter geöffnet werden? Und für wen?Dazu soll ein kleiner Text ins Buch verfasst werden.


 

Das ist das 7-Schritte-Programm in Kurzfassung! Die Autorin Bernowski-Geiser beschreibt natürlich noch dazu ausführlich, welchen Zweck diese einzelnen Übungen und Schritte haben und wieso Suchtkinder diese Übungen als hilfreich empfinden könnten!


Ihr dürft mir natürlich weiterhin mailen und ich hoffe, dass euch dieser Artikel vielleicht schon ein wenig weitergeholfen hat. Wer noch Anmerkungen oder Ideen hat - immer her damit! Danke.

Liebe Grüße,

Jule

 

 

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